
Als Markus „Notch“ Persson am 17. Mai 2009 sein neues Spiel veröffentlichte, ahnte er noch nicht, wie erfolgreich sein kleines Projekt werden sollte. Inspiriert von den Spielen „Infiniminer“ und „Dwarf Fortress“ hatte er eine neue Spielidee entworfen, bei der die Spieler in eine Welt voller Blöcke gesetzt werden und dort die Spielwelt frei gestalten können. Manch eine*r dürfte schon wissen, um welches Spiel es sich handelte, denn es traf vorsichtig gesagt einen Nerv. Die offene Welt und die damit einhergehende Freiheit der Spieler hatte es zuvor so noch nicht gegeben und etwa fünf Jahre später, im September 2014, verkaufte Persson seinen Welterfolg. Für das Spiel „Minecraft“ sowie seine damit gegründete Firma „Mojang“ erhielt er vom Software-Riesen Microsoft knapp 2 Milliarden Euro. Damit ist Minecraft wahrscheinlich das prominenteste und erfolgreichste Indie-Game aller Zeiten – aber was genau sind Indie-Games und was macht sie aus?
Eine DefINDIEtion
Die genaue Definition eines Indie-Games ist gar nicht so einfach – oft werden so aber Spiele bezeichnet, hinter denen kein Publisher steht. Damit sind Indie-Spiele meist die Herzensangelegenheiten und Freizeitprojekte von einzelnen Entwicklern und Entwickler-Gruppen, die oft auch ihr eigenes Geld investieren. Da es keinen Publisher gibt, erfolgt die Vermarktung über das Internet. Über die sozialen Netzwerke wird das Spiel angekündigt und die Community zu Updates informiert und nebenher können die Entwickler über Crowdfunding-Optionen auch noch finanziell abgesichert werden. Gleichzeitig wurde durch das Internet auch der Vertrieb ohne Publisher bedeutend einfacher, denn erst durch Online-Plattformen wie Steam oder GOG.com gab es dazu eine gute Alternative. Gerade in den letzten Jahren erfreuen sich Indie-Games einer immer größeren Beliebtheit. Während es natürlich auch eine Menge Spiele gibt, die nie einer breiten Öffentlichkeit bekannt werden, treten in den letzten Jahren immer wieder sehr erfolgreiche Titel auf, die gerade durch ihren hohen Grad an Kreativität und Innovation hervorstechen.
Parallel dazu fallen die Entwickler großer AAA-Titel in den letzten Jahren in der Branche mehr und mehr in Ungnade. Mit Millionen Dollar Budget und Entwicklerteams rund um den Globus sind die Riesen der Industrie vor allem auf finanziellen Gewinn aus. Das führt dazu, dass genau wie in der Film-Branche lieber sichere Einnahmequellen in der Form von Sequels produziert, statt neue innovative Ideen gefördert und unterstützt werden. Dazu kommt die Tendenz, Spiele lieber früh und unfertig zu veröffentlichen, anstatt sich die Zeit zu nehmen, die nötig wäre, um das jeweilige Spiel zu vollenden. Auch die Entwicklung immer mehr zusätzlich kaufbarer Inhalte in der Form von Lootboxen und Ähnlichem in die Spiele zu implementieren, sorgte nicht gerade für Jubel in der Gaming-Community. Wer bereits 60€ für ein Spiel zahlt, will am Ende auch ein vollständiges Spiel haben.
Zusätzlich dazu wächst der Markt des „Mobile Gaming“ kontinuierlich. Obwohl der Bereich von traditionellen Gamern geächtet wird, avancierte dieser in den letzten Jahren zum Umsatzgarant für viele Entwicklerstudios. Das „Casual Gaming“ wird immer zentraler, da man über das Handy auch Menschen abholen kann, die ansonsten mit Konsolen- und PC-Gaming wenig am Hut haben.
Das alles führt dazu, dass viele traditionelle Gamer von den großen AAA-Entwicklern enttäuscht sind. In vielen Spielen fehlt einfach die Liebe zum Projekt, die große Spielereihen in ihrer frühen Zeit ausmachte. Damals konnte man an vielen kleinen Dingen sehen, dass den Entwicklern etwas an ihrem eigenen Spiel liegt und nicht unbedingt das Geld im Vordergrund steht. Originalität, Detailreichtum, liebevoll gestaltete Spielwelten und kostenlose Updates und Bug-Fixes sind nur ein paar Beispiele dafür. Und genau das, was die Spieler von den großen Studios vermissen, finden sie im Indie-Genre wieder.
Das Internet macht’s möglich
Aufgrund der Abhängigkeit vieler Indie-Entwickler von Online-Distributions-möglichkeiten, verwundert es nicht, dass der Ursprung des Genres zeitgleich mit der Entstehung von Vertriebsplattformen wie Steam oder GOG.com fällt. Mit der zunehmenden Verbreitung dieser Plattformen, auf denen selbst kleine Entwickler ihre Arbeit ohne ausführliche Qualitätssicherung anbieten können, stieg auch die potentielle Käuferschaft für Indie-Games. Zusammen mit der Tatsache, dass Independent Games oft um einiges billiger erhältlich sind, als normale Spieletitel, verwundert es nicht, dass sich die Spiele schnell größer werdender Beliebtheit erfreuten.
Während noch im Jahr 2007 mit „Assassin’s Creed“, „Uncharted: Drake’s Fortune“, „Mass Effect“, „BioShock“ und „The Witcher“ grandiose Spielereihen begonnen wurden, von denen manche Studios auch noch heute zehren, veröffentlichte Jonathan Blow ein paar Monate später mit „Braid“ eines der ersten erfolgreichen Indie-Spiele. Zunächst einmal ist die Spielmechanik relativ einfach, denn bei Braid handelt es sich um einen 2D-Plattformer, also ein klassisches „Jump and Run“. Das Besondere dabei ist, dass der Spieler die Zeit zurückspulen kann und so komplizierte Rätsel lösen muss. Der Protagonist Tim ist im Spiel in Super Mario-Manier auf der Suche nach einer Prinzessin, die von einem Monster entführt wurde. So kämpft und rätselt er sich durch Level für Level, um zu seiner Geliebten zu gelangen. Der Twist in der Handlung liegt darin, dass der Spieler Braid rückwärts spielt ohne dies zu Beginn des Spiels zu wissen. Erst am Ende wird deutlich, dass die Prinzessin gar nicht gekidnappt wurde, sondern stattdessen auf der Flucht vor Tim ist.
Mehr Sein als Schein
Oft sind es Kleinigkeiten, wie solch eine einfallsreiche Story oder auch innovatives Gameplay und tolles Spieldesign, die Indie-Games ausmachen. Da es den Entwicklern an Kapazität und finanziellem Budget mangelt, sind die Spiele oft nicht auf dem technisch neusten Stand – aber das müssen und sollen sie auch gar nicht sein. Denn was stattdessen im Vordergrund steht, ist Innovation und Experimentierfreudigkeit, die entsprechend der Möglichkeiten der Entwickler umgesetzt werden. Nicht selten fühlt man sich beim Spielen eines Independent Games, als würde der Entwickler seine Vision eines Spiels mit den Menschen teilen. Das Faszinierende an Indie-Games ist damit nicht die Blockbuster-Ästhetik, die AAA-Spiele heutzutage mitbringen, sondern die sehr liebevolle Gestaltung dieser Spiele. Dabei ist das Genre so vielfältig, dass sich kaum Kategorisierungen treffen lassen. Um dennoch einen kurzen Einblick bieten zu können, seien hier ein paar Beispiele der letzten Jahre genannt:
„Ori and the Blind Forest“ ist ein aktuelleres Beispiel für ein 2D-Jump and Run. Das Spiel aus dem Jahr 2015 zeigt allerdings, dass auch solche Plattformer heute noch modern sein können. Der Spieler steuert den katzenartigen Schutzgeist Ori, mit dem man versuchen muss, einen Wald vor seinem sicheren Untergang zu retten. Dabei bewegt man sich durch eine handgezeichnete Welt, in der auf mehreren grafischen Ebenen viele Details versteckt sind. Obwohl die Spieldauer mit nur 6-10 Stunden vergleichsweise kurz ist, reicht dem Entwicklerteam um Thomas Maler diese Zeit, um eine sehr emotionale, packende Geschichte zu erzählen. Gemeinsam mit dem prämierten Soundtrack entsteht so ein Spielerlebnis, das nachhaltig im Gedächtnis bleibt.
Generell ist es sehr beliebt, Indie-Games als Plattformer und Jump and Runs zu designen. Neben der einfacheren Programmierung hat dies auch einen nostalgischen Faktor, denn kombiniert mit Pixel-Grafik und 16bit-Soundtrack werden so Erinnerungen an frühe Videospielzeiten wach. Um Nostalgie geht es auch in „Cuphead“, das 2018 so ziemlich jeden Preis abräumte, den es als Indie-Game zu gewinnen gibt. Humorvoll gezeichnet und mit einem tollen Bigband-Score untermalt, schießt sich der namensgebende Tassenkopf „Cuphead“ durch die verschiedenen Level um seine beim Würfeln an den Teufel verlorene Seele wieder freizukämpfen. Das Spiel ist eine einzige Hommage an die Comic-Klassiker der 30er-Jahre und dazu auch noch sehr herausfordernd.
Neben diesen Plattformern gibt es allerdings auch noch Indie-Games, die ihren Fokus mehr auf dem Gestalten einer einnehmenden Atmosphäre haben. Beispiele hierfür sind „Abzû“ (2016) oder auch „Journey“ (2012). Bei beiden Spielen bewegt man sich durch eine sehr kunstvoll gestaltete, fiktive Welt und muss versuchen Rätsel zu lösen. Auf Dialog wird in beiden Spielen verzichtet und stattdessen erzählt sich die Geschichte nach und nach vage durch die Umgebung und die Auflösung der Rätsel. Somit bleibt das Spielerlebnis sehr im ungewissen, was zum atmosphärischen Soundtrack und der Spielwelt passt.
Als letztes Beispiel sei hier noch „Stardew Valley“ genannt. Der Farming-Simulator im Role- Play-Stil ist neben seiner liebevollen Gestaltung ein Paradebeispiel dafür, wie Indie-Entwickler das Internet nutzen. Denn Eric Barone alias „ConcernedApe“ kündigte das Spiel nach einjähriger Entwicklungsphase 2012 erstmalig auf Steam an und erhielt dort große Unterstützung der Community. Nachdem er weitere vier Jahre ohne jegliche Hilfe und eng mit der Community verknüpft am Spiel weiterentwickelt hatte (selbst Pixel-Arts und Musik sind von Barone), wurde Stardew Valley 2016 veröffentlicht. Auch drei Jahre nach dem Release arbeitet Eric Barone noch immer an seinem Spiel und gibt seinen 230.000 Followern auf Twitter regelmäßig Updates. So wurde vor knapp einem Jahr ein Multiplayer ins Spiel implementiert und seit ein paar Monaten kann man Stardew Valley auch auf dem Handy spielen.
Von Marek Börsig.
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