XXX Stimmung – Atmosphäre in Blade Runner

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Ein Beitrag von Marek Börsig.


Als ich Ridley Scotts Blade Runner vor ein paar Jahren zum ersten Mal sah, hinterließ der Film auf mich einen bleibenden Eindruck. Der Grund hierfür war nicht die Geschichte, die erzählt wurde, sondern die besondere Atmosphäre, die durch den ganzen Film erzeugt wird. Als Zuschauer findet man sich in einer Welt wieder, die man so zuvor noch nie gesehen hat. Die Menschheit hat die Besiedlung des Alls begonnen, was einer kleinen Gruppe von Menschen zu unglaublichem Reichtum verholfen hat. Kontrastreich stehen sich deshalb im Los Angeles der Zukunft die hochtechnisierte Welt der reichen Konzerne und die Slum-artigen Zustände, in denen die gemeine Bevölkerung lebt, gegenüber. Die Atmosphäre, die vermittelt wird, hat eine einzigartige Sogwirkung, weshalb vor allem an diesem Beispiel sehr gut nachvollzogen werden kann, wie allgemein im Film Atmosphäre erzeugt wird. Einem Regisseur stehen dafür verschiedene Mittel und Wege zur Verfügung und Ridley Scott geht in Blade Runner sehr kunstvoll damit um. Nicht umsonst gilt der Film deshalb als Begründer des Genres Cyberpunk.

Das Setting

Welche Atmosphäre in einem Film vermittelt wird, hängt zunächst natürlich stark mit dem Setting des Films zusammen. Wie eingangs erwähnt, spielt Blade Runner in Los Angeles im Jahr 2019 – zur Veröffentlichung des Films noch ferne Zukunft. Das Bild L.A.s das Scott zeichnet, hat glücklicherweise aber wenig mit der heutigen Realität zu tun. Denn in Blade Runner befinden wir uns in einer Dystopie, einer düsteren und dreckigen Welt, in der Konzerne das Sagen haben. Die Umweltzerstörung ist soweit fortgeschritten, dass die Sonne nicht mehr scheint und dauerhafter Regen die Stadt in einen grauen Schleier hüllt. Auch echte Tiere sind mittlerweile ein Luxusgut und stattdessen werden künstliche Klone von ihnen hergestellt und teuer verkauft.

Im Film hat sich Los Angeles bis zum Jahr 2019 zu einer noch größeren Metropole entwickelt. Verschiedenste Kulturen aus aller Welt treffen hier aufeinander, sodass sich umgeben von kyrillischen Schriftzeichen ein asiatischer Imbiss neben einem arabischen Tier-Händler finden lässt. Diese Gegebenheiten machen die Stadt in Blade Runner zu einem multilingualen Ort. Neben Englisch sind auf der Straße asiatische Sprachen sowie russisch und arabisch zu hören und das Übersetzen gehört zum Alltäglichen. Die Stadt ist laut und wirr und über dem Klang der Straße dröhnen regelmäßig Werbungen für das Auswandern ins All. Dazu kommen ständig blinkende Neon-Schilder und großflächige Reklamen, die um die Aufmerksamkeit der Bevölkerung kämpfen und grelle Farben in die ansonsten trübe und düstere Stadt bringen. Dass die Stadt aus allen Nähten platzt und dazu noch verregnet und düster ist, sorgt für eine beklemmende Bedrücktheit. In diese Stimmung fügt sich die an den „film noir“ angelehnte Handlung perfekt ein.

Das Licht

Neben dem Setting gibt es weitere Faktoren, die für die besondere Atmosphäre in Blade Runner sorgen. Hervorzuheben sind hierbei vor allem zwei Parameter, die Scotts Film berühmt gemacht haben: Musik und Licht.
Blickt man zuerst auf die Lichtsetzung des Films wird deutlich, dass Ridley Scott Blade Runner allgemein sehr dunkel hält. Passend zum Look des „film noir“ der Vierziger und Fünfziger sind viele Einstellungen geprägt von Dunst und Rauch – ob es sich dabei um den Zigarettenrauch der Protagonisten, den Dunst eines Kochtopfes oder Dampf aus der Kanalisation handelt. Gerade in seinem „Final Cut“ aus dem Jahr 2007 dreht Scott noch einmal die warmen Farben zurück und stattdessen bestimmen grün und blau das Bild, was zur bedrückenden, kalten Atmosphäre der Stadt beiträgt. Lediglich die bereits erwähnten grellen Werbungen heben sich in der Stadt vom sonstigen trüben Szenenbild ab.

Das Licht wird dabei auch zur Charakterisierung der Stadt genutzt. Beispielhaft dafür ist eine Szene gegen Ende des Films, in der der Protagonist Rick Deckard ein offenes Treppenhaus nach oben geht, um dort den Antagonisten Roy Batty zu stellen. Ein ansonsten eigentlich belangloser Gang wird von Regisseur Ridley Scott dadurch stilisiert, dass Licht von tastenden Scheinwerfern Bewegung in das Bild bringt. Sie durchschneiden die Dunkelheit, in die das Treppenhaus ansonsten gehüllt ist und erzeugen dadurch eine bedrohliche und spannende Atmosphäre. Gleichzeitig geben sie aber auch einen Einblick in das Leben in der Stadt, in der man offensichtlich ständig das Gefühl haben muss, beobachtet zu werden.

Während Ridley Scott das arme Leben in Los Angeles oft mit kalten Farbtönen assoziiert, wird der Wohlstand des Gründers der Tyrell-Corporation als Kontrast hierzu in einem sehr warmen, goldenen Licht dargestellt. Deutlich wird dies vor allem in der berühmten Verhörszene zwischen den beiden Hauptcharakteren Rachel und Deckard, die gleichzeitig beispielhaft für das versierte Spiel mit der Beleuchtung ist. Die beiden Protagonisten sitzen sich gegenüber und entgegen der Norm sind ihre Gesichter nicht frontal beleuchtet. Stattdessen liegt Deckards Gesicht halb im Schatten und lediglich seine untere Gesichtshälfte ist hell beleuchtet. Auch Rachels Gesicht liegt im Dunklen. Die Lichtquelle, welche auch Deckards Gesichtshälfte erhellt, befindet sich hinter ihr und ein weiteres Licht von der Seite verleiht ihrem Gesicht Tiefe. Wie eine bewegliche Wand befindet sich zwischen den beiden der Rauch von Rachels Zigarette, welcher durch das Licht von hinten stark in den Fokus gerückt wird. Auch in der sehr weiten Totale des Verhörs wurde auf eine besondere Lichtsetzung Wert gelegt. In dem ansonsten sehr dunklen Zimmer spiegeln sich Lichtreflexionen auf Wasser an einer Wand und bringen somit Leben in das ansonsten sehr steril wirkende Zimmer.

Die Musik

Neben der grandiosen Lichtgestaltung ist Blade Runner auch für seine Musik bekannt. Ridley Scott traf im Hinblick auf den Film die gewagte Entscheidung, auf einen rein elektronischen Soundtrack zu setzen, was sich sehr gut in das Zukunfts-Setting des Films einfügt. Die Synth-Klänge – komponiert vom griechischen Komponisten Vangelis – prägen die Atmosphäre des Films entscheidend mit.

Technisch basiert die gesamte Musik des Films auf den elektronischen Klängen des Yamaha-CS80-Synthesizers. Durch die sehr freie Klangmodulation des CS80 kann der Sound des Synthesizers völlig unterschiedlich sein, was sich auch im Soundtrack des Films zeigt. Dabei stechen vor allem die eingeworfenen, arpeggierten Akkorde hervor, die einen sehr glockenartigen Klang haben. Ihnen gegenüber steht die Klanggestaltung des Hauptthemas. Dieses besteht aus einer relativ einfachen Melodie, deren Klang einer Trompete nachempfunden zu sein scheint und begleitenden streicherartigen Akkorden. Die Enden der Melodien bewegen sich oft im Glissando abwärts, was dazu führt, dass sie sich wie vorbeifahrende Fahrzeuge anhören. Daran zeigt sich eine weitere Eigenschaft des Soundtracks: er fügt sich nahtlos in das Sounddesign des Films ein und drängt sich selten in den Vordergrund.

Auf diese Art erzeugt Vangelis Emotionen, die auf den ersten Blick nicht direkt zu den düsteren Bildern der Stadt passen. Denn durch den weichen Klang der Musik werden Sehnsucht und Melancholie erzeugt, die die Bilder alleine nicht hervorrufen könnten. Damit trägt die Musik entscheidend zu einer Glorifizierung der Welt des Films bei, in die sich der Zuschauer zurücksehnt, obwohl er noch nie dort gewesen ist.

Für mich ist genau diese Erzeugung von Sehnsucht das, was dem Film Blade Runner einen Kultstatus verleiht. Die besondere Atmosphäre wird erzeugt, indem Gegensätze direkt aufeinandertreffen: im Unbekannten der riesigen, multikulturellen Metropole Los Angeles finden sich dennoch viele bekannte popkulturelle Bezüge – ob in der Kleidung der Menschen, der Neon-Reklamen oder der Architektur der Gebäude. Gleichzeitig klingt auch Vangelis Musik so, als würde uns diese Metropole gar nicht unbekannt sein. Genau darin liegt die Besonderheit des Films.

Und 2049?

Mit dem Auftrag, die Fortsetzung von Blade Runner umzusetzen, wurde dem Team um Regisseur Denis Villeneuve 2015 eine Mammutaufgabe zugeschrieben. Wie bei jedem Sequel bestand auch hier die Schwierigkeit darin, sich einerseits an dem großen Vorbild zu orientieren und seine Besonderheiten zu übernehmen und gleichzeitig etwas Eigenes, Neues zu erschaffen. Gerade im Hinblick auf die besondere Atmosphäre des Originals, stellt sich natürlich die Frage, ob dies auch in der Fortsetzung gelungen ist.

Anders als im Vorgänger sind in Blade Runner 2049 nicht mehr so viele verschiedene Einstellungen der Stadt zu sehen. Es gibt zwar immer noch Szenen, die sich im bunten Treiben L.A.s abspielen und in denen auch deutlich auf das Original Bezug genommen wurde – allerdings sieht man die Stadt ansonsten oft nur aus der Vogelperspektive, wenn die Protagonisten über die Häuser fliegen.

Statt auf der Metropole L.A. liegt in Blade Runner 2049 der Fokus auf Orten außerhalb der Stadt. Besondere Schauplätze sind so beispielsweise eine Eiweiß-Farm zur Lebensmittelproduktion, das verlassene, atomar verseuchte Las Vegas oder ein riesiger Schrottplatz vor den Toren L.A.s. Jeder dieser Orte erhält hierbei einen ganz eigenen, farblichen Look, wobei vor allem die Gestaltung von Las Vegas heraussticht. Passend zur Wüste, in der die Stadt gelegen ist, ist hier alles sehr gelblich gehalten und in Staub gehüllt, wodurch eine sehr surreale Wirkung erzeugt wird.

Unterdessen unterscheidet sich der Soundtrack der Fortsetzung – in diesem Fall komponiert von Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch – sehr deutlich vom Original. Villeneuves eigentlicher Stammkomponist Jóhann Jóhannson wurde im Laufe des Projekts abgelöst, weil dessen Musik sich laut Villeneuve zu sehr vom Klang des Originals unterschieden hätte. Kurzerhand sprangen Zimmer und Wallfisch ein und ihrer Musik ist der Versuch, sich vom originalen Vangelis-Soundtrack inspirieren zu lassen, deutlich anzumerken. Allerdings werden die typischen Yamaha-CS80-Sounds nicht ausschließlich eingesetzt, sondern wie üblich dürfen auch hier die Ethno-Drums nicht fehlen. Dadurch wirkt die Musik in der Fortsetzung viel brachialer und mächtiger als noch im Original – verglichen zu Scotts Film fehlt eine wichtige Komponente für das Erzeugen der besonderen Atmosphäre. Auch wenn die Musik nicht den vergleichbaren, atmosphärischen Effekt erzielt, gelingt Villeneuve dennoch der Spagat zwischen Altem und Neuem. Denn viele Themen aus der Welt des alten Films werden konsequent fortgeführt. So hebt Villeneuve beispielsweise die Frage, was der Unterschied zwischen Mensch und Maschine ist, auf eine völlig neue, virtuelle Ebene.

Zusammengefasst gelingt Denis Villeneuve damit eine konsequente und sinnvolle Fortsetzung des Originals. Auch in atmosphärischer Hinsicht kann Blade Runner 2049 oft an sein großes Vorbild anknüpfen, auch wenn die Musik keinen vergleichbaren Effekt erzielt.


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